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Rezension: Wohlstand zwischen Wachstum und Ungleichheit (Thieme 2026)

 Thieme, S. 2026: Wohlstand zwischen Wachstum und Ungleichheit. Ethische Perspektiven auf Wirtschaft und Gesellschaft. Verlag Barbara Budrich (328 Seiten).

  

Laut Bundeskanzler Merz lasse sich unser Wohlstand nur mit „Fröhlichkeit an der Arbeit“ statt „Lifestyle und Vier-Tage-Woche“ sichern. In Krisenzeiten reden alle über Wohlstand. Doch was ist eigentlich Wohlstand? Dass diese Frage in der Fachwissenschaft und im öffentlichen Diskurs unterkomplex diskutiert wird, verdeutlicht das 328 Seiten umfassende Buch von Sebastian Thieme, Ökonom und wissenschaftlicher Referent an der Katholischen Sozialakademie Österreich. 

 

 

 „Wer von Wohlstand sprechen möchte, sollte über denn ethische Dimension nicht schweigen.“ (S. 307)

 

 

In der Einleitung verweist Thieme auf die ethischen Schwierigkeiten im Umgang mit unterschiedlichen Vorstellungen von Wohlstand und formuliert zwei Fragen, die sich als leitend für das gesamte Buch erweisen: „Welche Vorstellung von Wohlstand wird aus welchen Gründen heraus – und zu welchen Zwecken – herangezogen?“, und „Welches Verständnis von Wohlstand soll ausgewählt werden?“ (S. 25, H. i. O.)

 

Im ersten Kapitel „Wohlstand verstehen“ führt Thieme unterschiedliche Vorstellungen von Wohlstand und definiert Wohlstand als „eine handlungsleitende Vorstellung […], die eine Orientierung gibt darüber, in welchem Umfang bestimmte Ressourcen und ein bestimmtes historisches, soziokulturelles und natürliches Lebensumfeld ein gutes Leben ermöglichen“ (S. 21, H. i. O.). Für Thieme handelt es sich bei Wohlstand zuvorderst um eine ethische Fragestellung, die auch eine reflektierte und verantwortungsvolle Auseinandersetzung verlangt, welches Verständnis von Wohlstand herangezogen werden soll. Dieser Prozess müsse auch im Sinne des Beutelsbacher Konsens transparent gestaltet werden.

 

 

„Wohlstand [tritt] in ökonomischen Lehrbüchern zwar als gängiger Begriff in Erscheinung […], der aber in der Tendenz nicht erklärt wird.“ (S. 23)

 

 

 

Im zweiten Kapitel „Wohlstand vermessen“ rekonstruiert Thieme die Kritik am BIP als Wohlstandsindikator – insbesondere Reduktionismus und Ökonomisierung – und präsentiert eine Vielzahl alternativer Ansätze für die Erfassung von Wohlstand: das Bruttoinlandsprodukt, dem Human-Development-Indikator, das Measure of Economic Welfare, das Index of Sustainable Economic Welfare, den Genuine Progress Indicator und viele mehr. Thieme beobachtet, dass die Kritik am BIP als Maß für Wohlstand zum Standardrepertoire der ökonomischen Ausbildung gehört, aber die standardökonomischen Lehrbücher kaum oder gar nicht auf die neoquantitativen Alternativen eingehen. Eine vertiefte Thematisierung dieser Konzepte findet lediglich in plural-ökonomischen Lehrbüchern statt. Im weiteren Verlauf argumentiert Thieme, dass die Beschäftigung mit ethischen Fragen nicht mit einem ökonomischen Trade-off-Problem verwechselt werden dürfe. Um den Zusammenhang von Weltanschauungen und Wohlstandsmaßen analytisch zu fassen, greift Thieme auf das epistemologische Konzept der preanalytischen Vision von Bieseker & Kesting zurück und plädiert für einen reflektierten und verantwortlichen Umgang mit Wohlstandsmaßen.  

 

 

„Liegen […] ethische Ziele im Konflikt, dann geht es um eine Güterabwägung, die sich nicht ausrechnen oder mathematisch optimieren lässt, sondern die Abwägung moralischer Ansprüche umfasst.“ (S. 72, H. i. O)

 

 

 

Ausgehend von der Feststellung des grundsätzlich normativen Charakters von Wohlstand analysiert Thieme im dritten Kapitel den Einfluss von Ideologien und Narrativen auf Vorstellungen von Wohlstand. Hierfür dekonstruiert er zunächst die negativen Konnotation des Begriffs „Ideologie“ und verwendet ihn im Folgenden als analytische Kategorie. Dabei verdeutlicht er, dass auch die Mainstreamökonomik – die andere Paradigmen häufig als „ideologisch“, sich selbst hingegen als evidenzbasiert und nicht-ideologisch beschreibt – über ein präanalytisches ideologisches Fundament verfügt, etwa in Form der Naturalisierung von Markt und Wettbewerb (S. 88). Auf dieser Grundlage diskutiert Thieme die Ideologien beziehungsweise Narrative des Wachstums (S. 90ff.), des Wohlstands (S. 101ff.) sowie der meritokratischen Leistungsgesellschaft (S. 105ff.) und kontrastiert diese mit der sozial-ökologischen Perspektive von Biesecker & Kesting (S. 110ff.). Der Autor hebt hervor, dass diese sozial-ökologische Perspektive zu den wenigen ökonomischen Konzepten gehöre, „das ganz bewusst eine wirtschaftsethische Konzeption ins Zentrum der ökonomischen Betrachtung stellt“ (S. 111, H. i. O.) und zugleich ihre eigene preanalytische Vision transparent macht.

 

 

"Wohlstand gilt unter dem Eindruck der vorherrschenden modernen Ökonomik vor allem als marktwirtschaftlicher Wohlstand." (S. 101)

 

 

Im vierten Kapitel beschäftigt sich Thieme ausführlich mit dem Verhältnis von Wohlstand und Wachstum. In diesem Kapitel stellt er fest, dass in Postwachstumsansätzen meist auf der Sachebene argumentiert werde und „die ethischen Momente […] eher beiläufig in den Forderungen und Vorschlägen […] auftreten“ (S. 160). Daraus leitet der Autor folgende Aufgabe ab: „Im Sinne der akademischen Arbeitsteilung und der Freiheit in Forschung und Lehre spricht nichts dagegen, die ethische Grundlagenreflexion in die Obhut jener Fachleute zu legen, die über eine entsprechende Expertise verfügen“ (S. 162). Thieme nimmt diese Aufgabe in bemerkenswerter Weise auf, indem er zunächst den ethischen Rechtfertigungsbedarf von wachstumskritischen Positionen herausarbeitet, um anschließend zahlreiche unterschiedliche wachstumskritische Perspektiven – ökologische, kulturelle, antikapitalistische, feministische, postwachstumsorientierte Ansätze usw. – auf anregende Weise mit ethischen Grundlagen zu verknüpfen und dabei „ethische Schnittstellen der Postwachstumsperspektiven“ zu entwickeln (S. 149). Dabei greift er unter anderem auf die Integrative Wirtschaftsethik von Peter Ulrich, die Katholische Soziallehre sowie die Gerechtigkeitstheorie von Amartya Sen zurück.

 

 

"Mit der Akzeptanz von Ungleichheit verbindet sich die Akzeptanz von Ungleichwertigkeit [...]. Wohlstand bedeutet deshalb in gewissem Sinne auch die Billigung von Diskriminierung und Abwertung." (S. 109)

 

 

Im fünften Kapitel widmet sich Thieme dem Thema der wohlfahrtsstaatlichen Existenzsicherung. Hier stellt der Autor fest, dass die standardökonomische Perspektive die Notwendigkeit wohlfahrtspolitischer Maßnahmen zwar nicht bestreite, jedoch „kaum bis kein Wort darüber [verliert], warum die soziokulturelle Existenz gesichert werden soll“ (S. 175, H. i. O.). In den folgenden Teilkapiteln erläutert Thieme verschiedene ethische Rechtfertigungen für die Sicherung der Lebensgrundlagen (Menschenwürdegarantie des Grundgesetzes, Subsistenzrecht nach Henry Shue, Integrative Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich, Fähigkeitenansatz nach Amarty Sen etc.).  Anschließend bespricht der Autor die Herausforderungen bei der Bestimmung von Lebensgrundlagen als zentrales Problem der Wohlfahrtspolitik und verdeutlicht dabei, dass in den Debatten über Armut, Bürgergeld, Mindestlohn etc. stets ethische Konflikte auftreten. Zugleich macht Thieme deutlich, dass „konkrete Rechtfertigungen jeweils von dem ethischen, kulturellen bzw. politischen und ideologischen Kontext abhängt“ (S. 216) und dass „[e]in ethischer Zielkonflikt […] keine ökonomische Marginalanalyse [ist]“ (S. 207) .

 

 

„Ein ethischer Zielkonflikt ist keine Optimierungsaufgabe. [...] Eine ethische Güterabwägung ist keine ökonomische Marginalanalyse wie sie für Konsumgüter oder Investitionen durchgeführt werden mag.“ (S. 207, H. i. O.)

 

 

Im sechsten und letzten Kapitel beschäftigt sich Thieme mit Wohlstand im Kontext von Einkommens- und Vermögensungleichheit. Mit Rückgriff auf die Arbeiten von Thomas Piketty, Gabriel Zucman, Sighard Neckel, Ingrid Robeyns und anderen verdeutlicht Thieme sowohl die Maßstäbe als auch das Ausmaß dieser beiden Ungleichheiten sowie die sachlichen Gründe, aus denen sie problematisch erscheinen, darunter die Gefährdung des sozialen Friedens, Machtkonzentrationen und Wohlfahrtsverluste. Daran anschließend entwickelt Thieme eine ethische Bewertung dieser Ungleichheiten auf Grundlage bereits eingeführter, aber auch weiterer normativer Kriterien. Dazu zählen unter anderem die Goldene Regel, der Kategorische Imperativ, der fiktive Rollentausch, Dialog beziehungsweise Diskurs, unterschiedliche Gerechtigkeitskonzeptionen, Abwehrrechte, Sozialpflichtigkeit, Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit, Menschenwürde sowie das Recht auf politische Teilhabe. Mithilfe dieser ethischen Prinzipien diskutiert Thieme unterschiedliche wirtschaftspolitische Maßnahmen wie Einkommens- und Vermögensobergrenzen, Vermögensbesteuerung, Besteuerung von Erbschaften. Auch hier stellen Thiemes Erläuterungen eine wertvolle ethische Reflexion von Maßnahmen dar, die ansonsten überwiegend auf sachlicher Ebene diskutiert werden.

 

 

"Denn wenn Wohlstand auch auf andere Art und Weise möglich ist als durch Marktprozesse und Privateigentum, dann bieten sich kollektive Eigentumsformen, gemeinschaftlich verwaltete Gemeingüter usw. als Möglichkeit an, Wohlstand in der Breite - für alle - zu fördern." (S. 257)

 

 

Thieme entwickelt einen überzeugenden Rundumschlag ausgehend von unterschiedlichen Vorstellungen von Wohlstand und ihren ideologischen Grundlagen über die Darstellung verschiedener ethischer Legitimationsmöglichkeiten von Wohlstand bis hin zur ethischen Auseinandersetzung mit Wohlstand im Zusammenhang mit Wachstum, Wohlfahrtspolitiken und Ungleichheit. Da ethische Perspektiven sowohl in der Mainstream-Ökonomik als auch in der Pluralen Ökonomik nur selten systematisch berücksichtigt werden, verwundert es nicht, dass da Buch eine gewisse Konzentration und Offenheit abverlangt. An manchen Stellen führen inhaltliche Redundanzen zu Längen, doch diese sind angesichts der Breite des Werks nachvollziehbar. 

 

Thieme verdeutlicht eindrücklich, dass die Frage des Wohlstands nicht von ethischen Fragen getrennt werden kann. Er macht zudem die dringende Notwendigkeit eines reflektierten Umgangs mit unterschiedlichen Konzepten von Wohlstand sowie einer begründeten ethischen Legitimation der Wahl eines bestimmten Wohlstandskonzepts deutlich. Dies gilt übrigens auch im Wirtschaftsunterricht, in dem ethische Argumentationen bislang ein großes Desiderat bleiben. Angesicht der aktuellen wohlfahrtspolitischen Diskussionen erscheint dieses Desiderat nach der Lektüre des Buches noch eklatanter. Sebastian Thiemes Wohlstand zwischen Wachstum und Ungleichheit stellt somit einen anregenden Beitrag dar, der sowohl für die Fachwissenschaft als auch für die Gesellschaft und den Wirtschaftsunterricht wichtige Impulse liefert.

 

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