Kuttenkeuler, D. 2025: Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Mit Marx, Menger und Marshall durch die Grundlagen der Ökonomie. De Gruyter Oldenburg, Berlin/Boston. (775 Seiten).
Auf dem Markt der heterodoxen Einführungen in die Volkswirtschaftslehre sticht das Werk von Dirk Kuttenkeuler hervor. In seinem Klappentext beklagt der Autor die einseitige Ausrichtung an neoklassischen Modellen und formuliert den Anspruch, „diese Einseitigkeit zu überwinden, indem die Einführung – neben der Neoklassik – die beiden anderen zentralen Denkschulen in den Fokus rückt: die Österreichische Schule und den Marxismus“. Er fährt fort: „Diese Erweiterung eröffnet Studierenden einen Überblick über das gesamte Spektrum volkswirtschaftlichen Denkens“.
Marx, Marshall und Menger als gesamte Bandbreite des ökonomischen Denkens? Ein Blick in andere heterodoxe Einführungswerke verdeutlicht jedoch, dass diese Darstellung der Geschichte der Ökonomik umstritten ist und die Neoklassik, die Österreichische Schule sowie der Marxismus keineswegs „das gesamte Spektrum volkswirtschaftlichen Denkens” abdecken (Abb. 1).
Abb. 1: Entwicklung der ökonomischen Schulen (Nölke und Schedelik 2025: 26)
Im Gegensatz zu zahlreichen anderen heterodoxen Einführungen (bspw. Bontrup & Marquardt 2021, Heine & Herr 2013, Jäger & Springler 2012, Nölke & Schedelik 2025) räumt Kuttenkeuler der Österreichischen Schule einen zentralen Stellenwert ein, während er den Keynesianismus lediglich als Randerscheinung darstellt.
Im Stammbaum der Ökonomen taucht der Name Keynes nicht auf.
In Kuttenkeulers „Stammbaum der Ökonomen bzw. ökonomischen Dogmen“ (Abb. 2) taucht der Name Keynes nicht auf. Neben dem Keynesianismus lässt er zudem die Regulationstheorie, den Neomarxismus, den Postkeynesianismus, die Institutionenökonomik, die ökologische Ökonomik, die feministische Ökonomik und weitere Paradigmen außer Acht (Abb. 1).
Abb. 2: Stammbaum der ökonomischen Dogmen (Kuttenkeuler 2025: 46)
An zahlreichen Stellen der Einführung entsteht zudem der Eindruck, dass die Neoklassik und der Marxismus vor allem besprochen werden, um die Österreichische Schule zu legitimieren. So gesehen ist die vorliegende Einführung von Kuttenkeuler weniger eine pluralistische – also eine gleichwertige Darstellung unterschiedlicher Paradigmen –, sondern über weite Teile eine monistische Einführung.
Sowohl die Struktur (bspw. die Auflösung des Gegensatzes Mikro-/Makroökonomie oder die Einbettung wirtschaftshistorischer Abhandlungen) als auch die Inhalte der Einführung sind deutlich von der Österreichischen Schule geprägt. Obwohl die Österreichische Schule historisch den Mainstream mitbegründet hat (Menger war Teil der „Marginalistischen Revolution"), wurde sie nach 1945 durch den "Formalismus" verdrängt, da sie sich weigert, ihre Aussagen in ökonometrische Modelle zu gießen, und die mathematische Vorhersagbarkeit ablehnt (Praxeologie). Heute gilt sie daher als heterodox.
Neoklassik und Marxismus werden vor allem besprochen, um die Österreichische Schule zu legitimieren.
Dr. Dirk Kuttenkeuler ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Rheinischen Hochschule Köln im Fachbereich Ingenieurwesen. Zuvor war er als Berater bei McKinsey & Company, dem Malik Management St. Gallen und Ernst & Young tätig. Für TechnoServe, eine US-amerikanischen NGO, hat er in Sambia daran gearbeitet, die Einkommen von Kleinbauern mithilfe derivativer Finanzinstrumente zu verbessern (degruyterbrill 2025). Abgesehen von diesen Autoreninformationen des Verlags De Gruyter Brill lassen sich keine weiteren Informationen zum Autor finden, nicht mal auf der Homepage der Rheinischen Hochschule Köln. In keiner einschlägigen Datenbank lassen sich weitere wissenschaftliche Publikationen des Autors finden (bspw. Elektronischer Zeitschriftenkatalog der Universität Mainz, Google Scholar). Somit entsteht der Eindruck, dass die theoretische Ausrichtung des Lehrwerks maßgeblich von dieser beruflichen Laufbahn in den Bereichen Management-Beratung und Ingenieurwesen geprägt ist.
Es entsteht der Eindruck, das Lehrwerk ist stark von der Laufbahn des Autors geprägt.
Die Einführung gliedert sich in vier große Teile: A. Allgemeine Grundlagen (300 Seiten), B. Komplexe Realitäten durch Außenbeziehungen (129 Seiten), C. Reale Widerspenstigkeit und dogmatisches Marktversagen (193 Seiten) und D. Der Einzug des Monetären (115 Seiten). In der Tradition der Österreichischen Schule verzichtet Kuttenkeuler in seinem Lehrwerk auf eine Unterteilung in Mikro- und Makroökonomie und beschränkt den mathematischen Apparat auf ein Minimum. Auch die Themen Nachhaltigkeit, ökonomische Ungleichheit, soziale Gerechtigkeit oder Gender spielen im Lehrwerk keine nennenswerte Rolle. Sämtliche fiktiven Personen, die eingeführt werden, um mikroökonomische Sachverhalten zu verdeutlichen, sind männlich.
Während das erste Kapitel noch ganz orthodox-neoklassisch mit den Themen Bedürfnisse, Knappheit, Produktion, Güter und Arbeitsteilung sowie Tausch beginnt, liefert das zweite Kapitel eine ausführliche historische Betrachtung der Wirtschaftsentwicklung ab dem 16. Jahrhundert sowie während der Industriellen Revolution. Ähnliche wirtschaftshistorische Abhandlungen sind auch an anderen Stellen der Einführung zu finden, so beispielsweise im Kapitel zur Entwicklung des Geld- und Bankensystems (S. 643 ff.). Die wirtschaftshistorische Perspektive ist insofern nicht untypisch für die Österreichische Schule, als diese im Gegensatz zur Neoklassik nicht an universelle und ahistorische Gesetze glaubt, sondern Wirtschaft als einen offenen evolutionären Prozess von Trial and Error des radikal individualistischen Homo Agens (im Gegensatz zum neoklassischen Homo Oeconomicus) versteht (Praxeologie). Diese praxeologische Sichtweise erklärt historisch-institutionalistischen Aussagen wie beispielsweise: „Bei aller Bedeutung des technischen Fortschritts für die Wohlstandsentwicklung [Neoklassik] darf nicht übersehen werden, dass relevante Impulse für diesen und seine Verbreitung von institutionen-ökonomischen Arrangements und dortigen Veränderungen ausgehen.“ (S. 74). Auch zum Thema Wachstum gibt es ein Kapitel, doch leider werden Postwachstumsansätze mit einer Strohmann-Argumentation in acht Zeilen abgetan (S. 96), sodass die Chance auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Paradigma vertan wird.
Andere Paradigmen dienen im Buch meist lediglich der Aufwertung der Österreichischen Schule.
Im dritten Kapitel führt Kuttenkeuler in die Funktionsweise von Märkten ein. Der Einstieg erfolgt, wie für orthodox-neoklassische Standardlehrbücher üblich, mit der Erläuterung von Angebot und Nachfrage, Marshall-Kreuz, Preisbildung, Marktgleichgewicht und Preisbewegungen. Darauf folgt eine kritische Würdigung des neoklassischen Grundmodells, in der Kuttenkeuler sämtliche neoklassische Axiome dekonstruiert (Homogenität, vollständige Information, Transportkostenfreiheit, Homo oeconomicus, Gewinnmaximierung usw.). Zum Thema Gewinnmaximierung schreibt Kuttenkeuler beispielsweise: „[…] die Vorstellung, reale Unternehmer würden sich gewinnmaximierend verhalten, ist kurz gesprungen – um nicht zu sagen: blanker Unsinn!“ (S. 137). Diese Dekonstruktion bildet die Grundlage für die Vorstellung der Österreichischen Schule, welche direkt im Anschluss erfolgt (S. 140 ff.).
In Kapitel 6 – dem letzten Kapitel des ersten Teils – bespricht der Autor die Lehre von Marx und Engels und begründet seine Ausführungen wie folgt: „Die Versuchung, [den süßzarten Prophezeiungen der marxistischen Lehre] anheimzufallen, ist groß und nur allzu offensichtlich. […] Daher scheint es geradezu fahrlässig, wenn Marxens Theorie den Ökonomen keinen Prüfstein mehr darstellt. Genau deshalb kommen wir in den weiteren Lektionen regelmäßig auf Marx und seine Vorstellungen zurück!“ (S. 263). In Kuttenkeulers Einführungswerk erfüllt die marxistische Theorie im Wesentlichen drei Zwecke: Erstens dient sie als Zeitzeugin der historischen Entwicklung des Kapitalismus, zweitens als negative Kontrastfolie zur Aufwertung der Österreichischen Schule und drittens als Kritikerin des Staates – ganz im Sinne der Österreichischen Schule. Neomarxistische Ansätze werden nicht behandelt.
Marktversagen? Staatsversagen! Monopolrente? Warum einen Sieger bestrafen?
Die drei weiteren Teile der Einführung stellen thematische Konkretisierungen dieser österreichisch geprägten Grundlagen dar. In Teil B des Lehrwerks bespricht Kuttenkeuler den freien Handel und den Interventionismus. Ganz im Sinne der Österreichischen Schule schreibt er: „Bedauerlicherweise fällt es vielen unter den von einer Höchstpreispolitik am stärksten negativ Betroffenen nicht leicht, den kausalen Zusammenhang zwischen dieser Politik und dem Warenmangel zu erkennen.“ (S. 382, H. i. O.). Gleiches gilt für seine Ausführungen zu Marktversagen, Marktmacht, Externalitäten und asymmetrischen Informationen in Teil C. Es verwundert also nicht, dass Kuttenkeuler Marktversagen als „Staatsversagen“ infolge staatlicher Einmischung in den freien Markt beschreibt. Zudem betont er die Effizienz und das Innovationspotential privatwirtschaftlicher Monopole (S. 468), verteidigt diese mit der Frage „Warum sollte man also einen Sieger bestrafen?“ und erklärt: „Für das [staatliche] Nichtstun bei Monopolmacht spricht gerade in reifen Märkten, dass dem Sieger die Ehre gebührt!“ (S. 473, H. i. O.).
Die Österreichische Schule argumentiert für die Überlegenheit des Marktes gegenüber dem Staat und gegen demokratische Prozesse.
Wer die Einführung liest, lernt also, dass nicht privatwirtschaftliche, sondern vor allem staatliche Monopole oder das Geldmonopol der Zentralbanken schädlich sind. Ebenfalls im Sinne der Österreichischen Schule kann man lernen, dass Externalitäten nicht über staatliche Eingriffe, sondern über die Ausweitung von Eigentumsrechten und den freien Markt bekämpft werden sollten (S. 542ff.). Zudem argumentiert Kuttenkeuler mit dem Arrow-Paradoxon für die Überlegenheit des Marktes gegenüber dem Staat und gegen demokratische Prozesse: „Gleichwohl dürfen wir nicht übersehen, dass in Demokratien nicht damit zu rechnen ist, dass die Bereitstellung öffentlicher Güter durch den Staat effizient erfolgt.“ (S. 608, H. i. O.).
In Teil D behandelt Kuttenkeuler unter anderem die Themen asymmetrische Informationen und Staatsverschuldung. Auch hier überwiegt die Perspektive der Österreichischen Schule, beispielsweise wenn Kuttenkeuler recht suggestiv fragt, „ob von der monopolistischen Zentralbank nicht selbst eine ganz neue Bedrohung auf die gesamtwirtschaftliche Stabilität ausgeht […]“ (S. 672).
Die Österreichische Schule ist eine libertäre Heterodoxie. Sie ist methodisch radikal subjektivistisch und politisch radikal marktfreundlich.
Im Kontext heterodoxer Lehrwerke ist Kuttenkeulers Einführung heterodox. Die Österreichische Schule ist eine libertäre Heterodoxie. Sie ist methodisch radikal subjektivistisch und politisch radikal marktfreundlich. Anstatt auf Keynes stützt sie sich auf Menger. Anstatt den Staat als Chance zu begreifen, betrachtet sie ihn als Gefahr. Anstatt Marktmechanismen infrage zu stellen, idealisiert sie den freien Markt. Anstatt für eine Demokratisierung der Wirtschaft zu plädieren, fordert sie eine Ökonomisierung demokratischer Prozesse. Angesichts der heutigen libertären Tendenzen (bspw. Peter Thiel Aussage zur Unvereinbarkeit von Freiheit und Demokratie) ist diese Form der Heterodoxie eine demokratiezersetzende, marktradikale und libertäre Ideologie.
Literatur
- Bontrup, H.-J. & Marquardt, R.M. 2021 : Volkswirtschaftslehre aus orthodoxer und heterodoxer Sicht. Eine Einführung. De Gruyter Oldenburg, Berlin/Boston.
- Heine, M. & Herr, H. 2013: Volkswirtschaftslehre. Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie. Oldenbourg Verlag, München.
- Jäger, J. & Springler, E. 2012: Ökonomie in der internationalen Entwicklung. Eine kritische Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Mandelbaum Verlag.
- Nölke, A & Schedelik, M. 2025: Ökonomie verstehen. Eine pluralistische Einführung für Lehramt und Sozialwissenschaften. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Toronto.
- Ward, B. 1986: Die Idealwelt der Ökonomen. Liberale, Radikale, Konservative. Campus Verlag, Frankfurt, New York.
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