Schlaudt, O. 2025: Wirtschaft im Anthropozän. Grundbegriffe der ökologischen Ökonomie. Transcript Verlag. Bielefeld (446 Seiten).
Mit „Wirtschaft im Anthropozän. Grundbegriffe der ökologischen Ökonomie“ legt Oliver Schlaudt eines der wenigen deutschsprachigen Lehrbücher zur ökologischen Ökonomik vor. Der Autor ist Diplomphysiker und Inhaber der Heisenberg-Professur für Philosophie und Politische Ökonomie an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung (HfGG) in Koblenz. Mit diesem Buch lässt Schlaudt die Lesenden an einem nicht abgeschlossenen Suchprozess teilhaben. Ziel dieser Suchbewegung ist die Entwicklung emanzipativer Begriffe, mit denen sich das Verhältnis von Wirtschaft und Natur jenseits der neoklassisch-neoliberalen Orthodoxie neu denken lässt. Schlaudt möchte den Lesenden einen ökologisch-ökonomischen begrifflichen Werkzeugkasten an die Hand geben. Denn ohne die richtigen Begriffe, so Schlaudt, „kann [man] weder die Probleme benennen noch ihre Ursachen analysieren, geschweige denn Gegenrezepte entwerfen“ (S. 13). Hierfür entwickelt er eine Vielzahl anregender Denkwerkzeuge in Anlehnung an unterschiedliche Disziplinen wie Ökonomik, Biologie, Soziologie, Ökologie und Physik. Zentrale Begriffe der neoklassischen Ökonomik – etwa Produktion, Konsum, Arbeit, Wert, Kosten-Nutzen oder Wirtschaftskreislauf – werden im Rahmen dieser inter- und transdisziplinären Suchbewegung kritisch befragt, neu gefasst, ergänzt und präzisiert.
Schlaudt nimmt die Lesenden mit auf seiner Suche nach einem Verhältnis von Wirtschaft und Natur jenseits der neoklassisch-neoliberalen Orthodoxie.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil zielt auf eine Dekolonisierung des ökonomischen Denkens von der neoklassischen Ökonomik. Ausgehend von der Zeitdiagnose der Polykrise legt Schlaudt die strukturelle Blindheit der Standardökonomik gegenüber ökologische Krisen offen und fordert einen radikalen Neuanfang der Disziplin. Er stützt sich auf das Konzept des Anthropozäns, um verkrustete Denkstrukturen aufzubrechen und die konstitutiven Verflechtungen von Ökonomie und Ökologie herauszuarbeiten. Die Analyse der epistemischen Gewalt neoklassisch-neoliberaler Ökonomik mündet schließlich in einem Plädoyer für eine reflexive Wissenschaftlichkeit und eine antimarginalistische Revolution.
Im zweiten Teil erarbeitet Schlaudt die Grundlagen ökologischen Wissens, die als theoretisches Instrumentarium für eine ökologische Ökonomik dienen sollen. Im Zuge der Rekonstruktion des ökologischen Denkens von mechanistischen über komplexe bis hin zu evolutionären Systemen wird Wirtschaft als eine spezifische Organisationsweise ökologischer Prozesse verständlich. In diesem Zusammenhang führt Schlaudt zahlreiche neue Begriffe und Denkwerkzeuge ein: offenes dissipatives System, Homöostase, Hysterese, Maximum Power Principle, critical transition, labiles Gleichgewicht, Zeit, Nischenkonstruktion, Gaia, um nur einige zu nennen. Auch dieser Teil ist gut nachvollziehbar und überzeugt durch seine Inter- und Transdisziplinärität. Zugleich stellt sich jedoch die Frage, wie der Autor aus dieser Vielzahl an Begriffen eine kohärente ökologische Ökonomik entwickeln möchte.
Das Buch überzeugt durch seine Inter- und Transdisziplinärität.
Auf dieser Grundlage entwickelt der Autor im dritten Teil die Grundbegriffe einer ökologischen Ökonomik. Dazu nimmt er die eingangs dargestellten ökonomischen Grundbegriffe erneut in den Blick, diesmal jedoch aus einer explizit ökologischen Perspektive: Produktion, Konsum, Abfall, Kreislauf, Investition, Arbeit usw. Darauf aufbauend entfaltet Schlaudt die Ansätze des metabolischen Regimes sowie der gesellschaftlichen Naturverhältnisse. In diesem Zusammenhang entwickelt er seine Überlegungen zu Konzepten wie dem BIP, dem EROEI (Energy Return on Energy Invested), der Effizienz, dem Stoffwechsel, dem Wachstum, dem Preis, dem Wert sowie der ökonomischen Vernunft. Im letzten Kapitel des dritten Teils stellt Schlaudt seine Gedanken zum ökologischen Wirtschaften dar und führt dabei mehrere zuvor entwickelte Argumentationsstränge zusammen: niche construction, Wert, Arbeit, Maximum Power Principle usw. Den Abschluss bildet die Vorstellung des CARE/TDL-Green-Accounting-Ansatzes von Jacques Richard und Alexandre Rambaud. Schlaudt bezeichnet diesen Ansatz als verblüffend, „weil er im Bestehenden ansetzt und in den bestehenden Institutionen nur ein paar einfache Regeln ändert, damit aber sehr weit kommt und alle Fehler, auf die man sich gefasst machen muss, zu vermeiden scheint“ (S. 407).
Das Buch liest sich sehr gut. Die 24 Tabellen und 34 Abbildungen sind gelungene visuelle Ergänzungen. Zusätzlich sind diverse Bausteine in den Text eingeflochten: 21 Seitenblicke, 49 Hintergründe sowie zahlreiche Definitionen und Denkaufgaben. Zwar wären Erwartungshorizonte für die Denkaufgaben wünschenswert gewesen, dennoch bieten diese Elemente wertvolle Anregungen und bereichern den Text.
Dem Autor gelingt es , den begrifflichen Werkzeugkasten mit zahlreichen interessanten Werkzeugen zu füllen.
In den beiden ersten Teilen überzeugt das Buch durch seine Breite, Tiefe und analytische Schärfe. Die Kritik der neoklassischen Ökonomik ist überzeugend (Teil 1) und die Darstellung der ökologisch-evolutionären Theorie nachvollziehbar (Teil 2). Dem Autor gelingt es tatsächlich, den begrifflichen Werkzeugkasten mit zahlreichen interessanten Werkzeugen zu füllen. Im dritten Teil bleiben jedoch einige Denkwerkzeuge ungenutzt und mit Howard T. Odum wird die ökologische Ökonomik weitgehend auf eine „energetisch basierte Entscheidungslogik“ (S. 403) reduziert. Die Arbeiten von Georgescu-Roegen werden zwar kurz vorgestellt, doch sein Name fehlt im Literaturverzeichnis, und seine Kritik des „energetischen Reduktionismus“ – wie ihn beispielsweise Odum betreibt – bleibt ungehört (vgl. Grinewald & Rens 2011: 31). Diese starke Orientierung an Odums Arbeiten und der Fokus auf die energetische Dimension des Stoffwechsels führen dazu, dass die Materialität, die Georgescu-Roegen in seinem Werk immer wieder betont, ausgeblendet wird. Zudem werden dadurch die Grenzen der Kalkulierbarkeit und die Auswirkungen der Logik der Kalkulation auf Mensch und Gesellschaft weitgehend unberücksichtigt (vgl. Fioramonti 2014; Latour & Callon 1997).
Eine weitere Schwäche liegt im wiederholten Zitieren der Arbeiten des Naturhistorikers Rolf Peter Sieferle (u. a. S. 274, 345, 361, 393), ohne dass seine Person und sein Werk transparent eingeordnet werden. Mit seinen späten Büchern „Finis Germania“ (2017) und „Das Migrationsproblem“ (2017) gehört der AfD-nahe Sieferle zu den intellektuellen Vordenkern im Kulturkampf der Neuen Rechten und der Konservativen Revolution. Er prägte völkische, sozialdarwinistische und ethnopluralistische Auffassungen der gesellschaftlichen Naturverhältnisse (vgl. Nutt 2019; Stapper 2020). Auch wenn Schlaudt die späten Werke nicht zitiert, so wäre doch eine Einordnung von Sieferle wichtig, ebenso wie eine Darstellung der Risiken neurechter Ökologie, beispielsweise in Form eines Textbausteins „Hintergrund“ oder „Seitenblick“.
Für eine künftige Ausgabe wäre ein sorgfältigeres Lektorat wünschenswert: das Literaturverzeichnis ist unvollständig, und im Buch finden sich noch einige Rechtschreibfehler. Die Tatsache, dass ein Buch, welches sich als Lehrwerk versteht und einen umfassenden Begriffsapparat entwickelt, ohne Glossar veröffentlicht wurde, stellt ein erhebliches Defizit dar, welches hoffentlich in zukünftigen Auflagen behoben wird.
Ein sehr lesenswertes Buch, welches hoffentlich eine breite Leserschaft findet.
Insgesamt liefert Schlaudt ein sehr lesenswertes Buch, welches hoffentlich eine breite Leserschaft findet. Es handelt sich um eine anregende Suchbewegung, aus der tatsächlich ein bunter begrifflicher Werkzeugkasten hervorgeht. Wie diese Werkzeuge genau eingesetzt werden können, bleibt an vielen Stellen noch offen, aber genau darum handelt es sich bei dieser Suchbewegung, die die Leser*innen selbst fortsetzen können. Das Buch gibt auf jeden Fall Lust, die zahlreichen aufgezeigten Wege weiter zu beschreiten.
Literatur
- Fioramonti, L. 2014: How Numbers Rule the World: The Use and Abuse of Statistics in Global Politics. Zed Books.
- Grinewald, J. & Rens, I. 2011 : Georgescu-Roegen : La décroissance. Entropie – Écologie – Économie. Sang de la Terre, Paris.
- Latour, B. & Callon, M. 1997 : “Tu ne calculeras pas!” ou comment symétriser le don et le capital In : MAUSS, n°9. (Link)
- Nutt, H. 2019 : Der Kulturkampf der Neuen Rechten. In Frankfurter Rundschau 08.01.2019. (Link)
- Stapper, J. 2020: „Die Kehre“ Neuauflage für Naturschutz von rechts. In: Belltower, 28.05.2020. (Link)
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