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Rezension: Ökonomie verstehen (Nölke & Schedelik 2025)

 

Nölke, A. & Schedelik, M. 2025: Ökonomie verstehen. Eine pluralistische Einführung für Lehramt und Sozialwissenschaften. Verlag Barbara Budrich Opladen & Toronto (353 Seiten).

 

Den Autoren gelingt ein bemerkenswerter Beitrag zur pluralen ökonomischen Bildung. Es ist zu hoffen, dass „Ökonomie verstehen" andere Lehrbücher sowie Schulbücher und Bildungspläne inspiriert.

 

„Ökonomische Grundkenntnisse sind für die Teilhabe an gesellschaftlichen Diskussionen unverzichtbar“. Mit diesen Worten eröffnen Nölke und Schedelik das Vorwort ihres Buches „Ökonomie verstehen“. Ansatz und Zielgruppe des Buches werden bereits im Untertitel deutlich: „Eine pluralistische Einführung für Lehramt und Sozialwissenschaften“. Ausgehend von der Beobachtung, dass bestehende ökonomische Einführungswerke entweder zu anspruchsvoll oder nicht hinreichend plural seien, formulieren die Autoren den Anspruch, ein Lehrwerk vorzulegen, welches sowohl verständlich als auch pluralistisch ist. Die Verständlichkeit soll durch den Verzicht auf wirtschaftswissenschaftlichen Jargon, mathematische Formeln und abstrakte Modelle gewährleistet werden. Stattdessen setzt das Buch auf einen problemorientierten Aufbau, der an den Erfahrungshorizont von Schüler*innen und Studierenden anknüpft und keine ökonomischen Vorkenntnisse voraussetzt. Der Pluralismus soll dadurch gesichert werden, dass sowohl orthodox-neoklassische als auch heterodoxe Lehrmeinungen dargestellt werden. Zugleich räumen die Autoren bereits zu Beginn des Buches ein, dass sie die pluralistische Betrachtung aufgrund des begrenzten Umfangs weitgehend auf die keynesianische Perspektive beschränken – nicht zuletzt, weil diese „prominent in den schulischen Lehrplänen“ vertreten sei.

 

 

Die Autoren formulieren den Anspruch, ein Lehrwerk vorzulegen,

welches sowohl verständlich als auch pluralistisch ist.

 

 

Das Buch ist in fünfzehn Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel arbeiten die Autoren die normativen Grundlagen zentraler Wirtschaftstheorien heraus. Sie betonen die Bedeutung ökonomischer „Brillen“, die performative Wirkung ökonomischer Modelle, die Fiktion der Wertneutralität sowie die Notwendigkeit eines Methoden- und Theorienpluralismus. Darauf aufbauend folgt eine Darstellung der „Entwicklungslinien der wirtschaftswissenschaftlichen Schulen“. Aufgrund des Fehlens einiger Ansätze – bspw. ökologischer, feministische, postkoloniale Ökonomik – wäre es naheliegender gewesen, das Unterkapitel etwa „Entwicklungslinien zentraler ökonomischer Schulen“ zu nennen. Der Überblick ist gewollt kurz, aber informativ. Dies gilt insbesondere für die Darstellung der normativen Bezüge der klassischen Wirtschaftsschulen. Das Kapitel endet mit einer tabellarischen Gegenüberstellung von Keynesianismus und Neoklassik.

 

Das zweite Kapitel widmet sich den mikroökonomischen Grundlagen von Preisbildung und Märkten. Nach der Darstellung der neoklassischen Grundannahmen (Homo oeconomicus, Nutzenmaximierung, Präferenzordnung, Substituierbarkeit der Güter usw.) und der verhaltenstheoretischen Erweiterungen (kognitive Verzerrungen, Gewohnheiten usw.) stellen die Autoren die keynesianische Kritik an diesen Grundannahmen dar (animal spirits, Erwartungen, soziale Einbettung usw.). Es folgt die Darstellung der Determinanten der Nachfrage von privaten Haushalten und des Angebots von Unternehmen, um beides im Modell des Marktmechanismus zusammenzuführen. Die Vorstellung eines vollkommenen Marktes wird anschließend aus neoklassischer Perspektive um die Marktformen Oligopol/-son und Monopol/-son ergänzt und aus wirtschaftssoziologischer sowie keynesianischer Perspektive kritisiert (Unsicherheit, Märkte als voraussetzungsvolle Institutionen, Hierarchie von Märkten, Trägheit der Preise usw.). Auf dieser Grundlage werden die Unterschiede zwischen neoklassischen und keynesianischen wirtschaftspolitischen Prinzipien besprochen und am Beispiel der Oligopole in der IT-Ökonomie veranschaulicht.

 

Das dritte Kapitel widmet sich den makroökonomischen Themen des Wirtschaftskreislaufs und der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vor dem Hintergrund der Wachstumsfrage. Nach einer schrittweisen Heranführung an das Modell des Wirtschaftskreislaufs werden die Messgrößen Bruttoinlandsprodukt und Volkseinkommen in ihrer Funktionsweise sowie mit ihren Vor- und Nachteilen erläutert. Darauf aufbauend diskutieren die Autoren das Wachstumsparadigma aus den Perspektiven der Neoklassik, des Keynesianismus und des Degrowth-Ansatzes. Etwas überraschend weicht das Fazit von der Kapitelüberschrift („Wachstumsfetisch?“) ab und behandelt stattdessen die Bekämpfung des Klimawandels aus den drei genannten theoretischen Perspektiven. 

 

Die folgenden Kapitel lassen sich nicht eindeutig der Makro- oder Mikroökonomik zuzuordnen, wobei insgesamt makroökonomische Perspektiven dominieren – was dem wissenschaftlichen Hintergrund des Autorenduos entspricht. Dieses produktive Nebeneinander zeigt sich auch im vierten Kapitel, welches sich mit der Internalisierung externer Effekte und der sozial-ökologischen Transformation befasst. Nach einer mikroökonomisch fundierten Darstellung externer Effekte, der Tragik der Allmende und des europäischen Emissionshandels folgt eine keynesianische und somit stärker makroökonomische Perspektive auf sozial-ökologische Transformationsprozesse.

 

Mit den weiteren Kapiteln erfüllen die Autoren ihren Anspruch, ein umfassendes Lehrwerk vorzulegen. Behandelt werden: Konjunktur und Wirtschaftskrisen (Kap. 5), Arbeit und Arbeitslosigkeit (Kap. 6), Staat und Staatshaushalt (Kap. 7), Ungleichheiten bei Einkommen und Vermögen (Kap. 8), Armut und Reichtum der Nationen (Kap. 9), Deflation und Inflation (Kap. 10), Geld und Geldpolitik (Kap. 11), Kapitalmärkte und Finanzsystem (Kap. 12), internationaler Handel (Kap. 13), Währungen und Wechselkurse (Kap. 14) sowie multinationale Unternehmen und Wertschöpfungsketten (Kap. 15). Die Kapitel sind in sich geschlossen, zugleich aber über Verweise miteinander verknüpft.

 

 

Das Lehrbuch bietet einen fundierten Überblick
über zentrale volkswirtschaftliche Themen
aus Perspektive der Neoklassik und des Keynesianismus.

 

 

Das Lehrbuch bietet einen fundierten Überblick über zentrale volkswirtschaftliche Themen aus Perspektive der Neoklassik und des Keynesianismus. Zwar existieren bereits andere plurale Einführungswerke (bspw. Bontrup & Marquardt 2021, Heine & Herr 2012, Jäger & Springler 2013, Prante, Bramucci, Hein & Truger 2025, Ward 1986), doch gelingt es Nölke und Schedelik über weite Strecken, ihr Ziel einer geringen Verständnishürde einzulösen. Ob diese aber für Schüler*innen tatsächlich überwindbar ist, darf bezweifelt werden; für Studierende des Lehramts oder der Sozialwissenschaften ist das Niveau jedoch angemessen und anregend, auch deshalb weil es zahlreiche begriffliche Werkzeuge liefert.

 

Denken braucht Begriffe, ökonomisches Denken braucht ökonomische Begriffe und pluralistisches Denken braucht pluralistische Begriffe. Obwohl die Autoren bewusst auf Fachjargon verzichten, vermitteln sie eine beeindruckende Zahl zentraler Konzepte, die in orthodoxen Lehrbüchern nur selten vorkommen: Dogmengeschichte, financial instability hypothesis, fallacy of composition, sticky prices, animal spirits, proprietäre Märkte , Angstsparen, absolute Knappheit, marginale Konsumneigung, Gewinndruckinflation, Rücküberweisungen, Veblen-Güter, Dekarbonisierung, Übergewinnsteuer, Sorgearbeit, Sustainable Development Goals, Dualisierung des Arbeitsmarktes, Geltungskonsum, Nachfrageausfall, infant industries usw. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele dieser Begriffe ihren Weg aus diesem Lehrbuch in andere ökonomische Lehr- und Schulbücher finden werden.

 

 

Obwohl die Autoren bewusst auf Fachjargon verzichten,

vermitteln sie eine beeindruckende Zahl zentraler Konzepte,

die in orthodoxen Lehrbüchern nur selten vorkommen.

 

 

Obwohl die Autoren im Vorwort ausdrücklich betonen, problemorientiert an den Erfahrungshorizont von Schülerinnen sowie Studierende anknüpfen zu wollen, bleibt dieses didaktische Ziel an vielen Stellen noch ausbaufähig. Die Kapiteleinleitungen bieten zumeist – ganz im klassisch-wissenschaftlichen Stil – einen Überblick über Inhalte und Aufbau des jeweiligen Kapitels, dienen jedoch kaum als didaktische Vorbereitung auf eine aktive Auseinandersetzung mit den Lerninhalten. Die Fallbeispiele, und damit der problemorientierte lebensweltliche Bezug, erscheinen überwiegend erst gegen Ende der Kapitel – also erst, nachdem die fachlichen Grundlagen aus neoklassischer und keynesianischer Perspektive erläutert wurden. Aus lerntheoretischer Sicht wäre es hingegen sinnvoll, die fallbasierte Problemorientierung bereits zu Beginn der Kapitel anzulegen, um Neugier und kognitive Aktivierung zu fördern. Die Einleitung eines Kapitels sollte nicht nur informieren, sondern vor allem dazu dienen, anhand eines für die Lernenden relevanten Fallbeispiels Fragen, Spannungsfelder, Dissonanzen und Ambiguitäten zu eröffnen, die im weiteren Verlauf des Kapitels aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven bearbeitet werden. Bereits die Gestaltung der Kapitelüberschriften könnte stärker zur Aktivierung beitragen: interrogativ formulierte Überschriften das Fragen und so einen konstruktiven Lernprozess anregen (derzeit enthalten lediglich zwei von fünfzehn Überschriften ein Fragezeichen). Als Lehrwerk wäre es darüber hinaus wünschenswert, den Lernenden Möglichkeiten zur Selbstüberprüfung und Vertiefung zu bieten. So könnten etwa Lernfragen – idealerweise mit Erwartungshorizonten – am Ende jedes Kapitels eingefügt oder als digitale Ergänzung bereitgestellt werden.

 

Den Anspruch, das Lehrwerk möglichst niedrigschwellig zu gestalten, lösen die Autoren durch den Einsatz zahlreicher Elemente wie Definitionen, Exkurse, Abbildungen und Tabellen ein. Dies ist grundsätzlich positiv zu bewerten; aus didaktischer Perspektive wäre jedoch eine noch stärkere visuelle Unterstützung wünschenswert – insbesondere durch zusätzliche Abbildungen, die zentrale Zusammenhänge strukturieren und visualisieren (z. B. in Form von Mindmaps, Flussdiagramm oder Wirkungsgefügen). Gerade in jenen Kapiteln, in denen die Autoren an die Grenze sprachlicher Komplexitätsreduktion stoßen – etwa in den Abschnitten zu Finanzmärkten oder zur internationalen Ökonomie – könnten solche Visualisierungen Lernprozesse deutlich erleichtern. Lernen erfolgt auch durch Bilder und Bilder prägen Denken, insbesondere in der Ökonomik. Einprägsame Bilder bleiben hängen und finden häufig Eingang in andere Lehr- und Schulbücher. Mit überzeugenden grafischen Darstellungen ließe sich sicherlich auch der Verzicht auf Mathematik vermeiden. Denn auch im Sinne einer intellektuellen Selbstverteidigung gegen ökonomistisch-epistemische Gewalt ist es wichtig, den Umgang mit mathematisierten ökonomischen Darstellungen zu erlernen. Eine sinnvolle Ergänzung des Lehrwerks wäre zudem die Entwicklung begleitender multimedialer Materialien – etwa in Form von Erklärvideos.

 

 

Die Komplexitätsreduktion auf zwei ökonomische Schulen

ist nachvollziehbar, didaktisch legitim und überzeugend umgesetzt. 

 

 

Ein letzter Kritikpunkt betrifft den „Pluralismus“ des Lehrwerks. Der Untertitel des Buches ist in zweifacher Hinsicht irritierend. Zum einem fällt die Wortwahl „eine pluralistische Einführung“ auf, da meist der Ausdruck „plural“ verwendet wird (vgl. etwa das Netzwerk Plurale Ökonomik). Warum die Autoren dennoch die Bezeichnung „pluralistisch“ wählen, bleibt unklar. Noch weniger nachvollziehbar ist allerdings, weshalb sie ihr Werk als „pluralistische Einführung“ bezeichnen, obwohl es sich eigentlich eine „dualistische Einführung“ handelt. Die Autoren selbst räumen dies ein, wenn sie schreiben: „Da der Platz für die Darstellung begrenzt ist, beschränken wir uns zumeist auf zwei alternative Perspektiven, die wir vereinfacht als „Neoklassik“ und „Keynesianismus“ bezeichnen“. Diese Komplexitätsreduktion auf zwei ökonomische Schulen ist nachvollziehbar, didaktisch legitim und überzeugend umgesetzt. Dennoch wäre es aus pluralistischer Perspektive – und somit, um dem Untertitel besser zu entsprechen – wünschenswert, etwas häufiger auf andere Ansätze zu verweisen. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlicht. Erstens bei der Darstellung des Modells des Wirtschaftskreislaufs, welches im Buch schrittweise vom Zwei- bis zum Fünfsektorenmodell entwickelt und auf Seite 89 graphisch dargestellt wird. Um Pluralität zu verdeutlichen, wäre es möglich gewesen, diese schrittweise Ausweitung des Modells noch fortzuführen – auch graphisch – und zwar um die soziale (Sorgearbeit) und ökologische Einbettung (Stoff- und Energieflüsse) der Wirtschaft. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit feministischen oder ökologisch-ökonomischen Ansätzen gewiss zu umfangreich, doch hätte eine solche Erweiterung diesen Ansätzen eine Sichtbarkeit gegeben.

 

Als zweites Beispiel soll der Exkurs zum Thema Grünes Wachstum auf Seite 100 herangezogen werden. Die Autoren schreiben: „Empirisch unstrittig ist jedoch die Tatsache, dass viele Hocheinkommensländer, darunter Deutschland […] bereits eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen erreicht haben“. Eine solche Entkopplung ist jedoch keineswegs unumstritten. Die Einbeziehung wirtschaftsgeographischer, ökologisch-ökonomischer, postkolonialer oder anderer Ansätze würde eine Pluralisierung der Analyse ermöglichen. So ließe sich die Aufmerksamkeit auf historische und gegenwärtige Externalisierungsprozesse richten, zwischen relativer und absoluter Entkopplung unterscheiden oder der Unterschied zwischen produktions- und konsumbasierten Emissionen verdeutlichen. Zudem könnten Reboundeffekte thematisiert und die Reduktion der Entkopplungsdebatte auf CO2-Werte reflektiert werden. Denn der tatsächlich limitierende Faktor ist nicht allein der CO2-Ausstoß (Klimakrise), sondern der Naturverbrauch (Ökosystemkrise). Zwischen Naturverbrauch und Wirtschaftswachstum besteht bislang keine Entkopplung.

 

 

Es ist zu hoffen, dass „Ökonomie verstehen“

andere Lehrbücher sowie Schulbücher

und Bildungspläne inspiriert.

 

 

Insgesamt gelingt Nölke und Schedelik ein bemerkenswerter Beitrag zur pluralen ökonomischen Bildung. Ihr Lehrbuch öffnet den Raum für eine Ökonomik jenseits des neoklassischen Mainstreams und schafft tatsächlich die Verbindung von wissenschaftlicher Fundierung und didaktischer Verständlichkeit. Das Buch bietet eine äußerst wertvolle Grundlage für eine produktiv-kontroverse ökonomische Bildung, nicht nur im Lehramts- und sozialwissenschaftlichen Studium. Es ist zu hoffen, dass „Ökonomie verstehen“ andere Lehrbücher sowie Schulbücher und Bildungspläne inspiriert.

 

 

 Literatur:

  • Bontrup, H.-J. & Marquardt R.-M. 2021: Volkswirtschaftslehre aus orthodoxer und heterodoxer Sicht. Eine Einführung. de Gruyter, Oldenburg, 993 S..
  • Heine, M. & Herr, H. 2012: Volkswirtschaftslehre: Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro und Makroökonomie: Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie. Oldenburg Verlag, 800 S.
  • Jäger, J. & Springler, E. 2013: Ökonomie der internationalen Entwicklung. Eine kritische Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Mandelbaum Verlag, 379 S.
  • Prante, F., Bramucci, A. Hein, E. & Truger A. 2025: Einführung in die Makroökonomik: plural und interaktiv (Link
  • Ward, B. 1986: Die Idealwelt der Ökonomen. Liberale, Radikale, Konservative. Campus Verlag, Frankfurt/New York, 544 S.

 

 

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